Musikalische Seelenspeise in Notenspur-Nacht

Bürger für Bürger: Mehr als 300 Leipziger öffnen ihre Türen für Liebhaber der Hausmusik

Pressebericht, Leipziger Volkszeitung, 21.11.2016

VON INGRID HILDEBRANDT

Ostrock im Wohnzimmer, klassische Klänge im Friseursalon, Keltisches in der Stadtvilla, alte Weisen im Kräuterladen, Jazziges im Treppenhaus oder slawische Nächte im Hinterhof – unter dem Motto „Musik zu Hause in Leipzig“ fand am Samstag die zweite Notenspur-Nacht der Hausmusik statt. Über 300 Mitwirkende und 64 Orte in allen Leipziger Stadtteilen machten die Veranstaltung zum weltweit größten Hausmusikereignis. Doch allein um Zahlen geht es dem Notenspur-Förderverein als Veranstalter nicht. „Das Miteinander ist unser Ziel. Wir wollen zeigen, dass die Musikkultur in Leipzig lebendig und nicht nur den großen Konzertsälen vorbehalten ist“, so Notenspur- Chef Werner Schneider. Den Beweis brachten Mitwirkende und Besucher gleichermaßen: Ob Zuhörer, Laien- oder Berufsmusiker, ob Schüler oder Rentner – ihre Musikbegeisterung verbindet sie alle.

Es ist Samstag, kurz vor 19 Uhr, in wenigen Minuten wird an 64 Leipziger Orten gleichzeitig musiziert werden. „Die Tradition der bürgerlichen Musikstadt ist heute Abend im besten Sinne erlebbar“, freut sich Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Linke) auf eine Veranstaltung, welche die „Offenheit der Bürgerstadt“ zeige. „Leipziger laden Gäste ins Haus, kennen keine Berührungsängste, möchten andere Musikinteressierte kennenlernen.“ Ein Auftakt von vielen ist am Rabensteinplatz, wo Familie Rosenthal zum keltischen Abend lädt. Schon schwingen die zarten A-Capella-Klänge von „May I Suggest“ durch den Raum, gefolgt vom Klassiker „Green Grow The Rushes“ – die Folk-Band Angels’ Share begleitet die Gäste musikalisch durch die grünen Weiten Schottlands und Irlands. „Handgemachte Musik erklang auch vor über 100 Jahren in diesen Räumen“, weiß Ingo Jahnel, Geschäftsführer der Limes Wohnbau GmbH, die das historische Stadtpalais von Druckereibesitzer Leberecht Hugo Wolff denkmalgerecht sanierte. „Nun wird hier nach Jahrzehnten wieder musiziert“, freut sich der Leipziger, der den Notenspur-Förderverein seit Langem ideell und finanziell unterstützt.

Keltische Klänge im Zentrum – slawische wenige Kilometer weiter. Mit „Heijnal“, dem Signal des Turm-Trompeters der Leipziger Partnerstadt Krakau, wurde der Hausmusik-Abend in Reudnitz eröffnet. Die Atmosphäre im Wohnzimmer von Henrietta Meyer und Bartlomiej Kiszka erinnert an große osteuropäische Familienfeiern: Fröhlich, gesellig, mitreißend: Stammgäste, Hausbewohner, Neugierige singen gemeinsam mit Musikern aus Deutschland, Polen und der Ukraine.

Musik verbindet die Menschen auch im Leipziger Süden. Dort gehört Familie Merrem zu den Gastgebern, welche ihre Türen für die Notenspur-Nacht der Hausmusik öffnet. Schön anzuhören und schön anzusehen, wenn Musikliebende aller Generationen gemeinsam den Ost-Klassiker „Wenn ein Mensch lange Zeit lebt…“, anstimmen. „Hausmusik im Familienkreise ist die beste Seelenspeise“, lädt ein gut gelaunter Musiker die immer neuen Besucher zum Mitmachen.

Immer neue Musikbegeisterte kommen auch in den Friseursalon „Backstage“ im Norden der Stadt. „Wir möchten die Georg-Schumann-Straße mit mehr Kultur beleben“, sagt Udo Flachsel, der das junge Ensemble „Fiori di Voce“ zur Nacht der Hausmusik eingeladen hat. Während Anne Heising, Tobias Schneider und Hannah Soraya Händel, Schütz und Telemann an ungewohntem Ort zum Klingen bringen, schaffen die „Wandernden Musikanten“ beim Bürgerverein Leipzig-Nordost in der Mockauer Straße die richtige Stimmung zum Mitsingen. Eine Wohlfühl-Stimmung kann auch Tom Werzner zaubern, der in Kleinzschocher, im Kräuterladen von Irene und Tobias Finke, Dutzende Besucher anlockt.

Musik zu Hause in Leipzig – das ist an vielen Leipziger Orten gelebte Realität an diesem Abend. Dass slawische Nächte lang sind, bewiesen die Reudnitzer: Noch weit nach Mitternacht erklangen Lieder am Lagerfeuer. Zum Mitsingen!

 

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Einen keltischen Abend mit den Musikerinnen der Gruppe Angels’ Share erleben die Besucher der Hausmusik-Nacht im Wohnzimmer der Familie Rosenthal. – Foto: Andrè Kempner

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